Nachbarschaftsinitiative für eine transparente und nachhaltige Entwicklung des RAW-Geländes.
Nachbarschaftsinitiative für eine transparente und nachhaltige Entwicklung des RAW-Geländes.
Als Nachbarschaftsinitiative setzen wir uns dafür ein, dass diese Vielfalt erhalten bleibt und sich weiterentwickeln kann. Wir wollen einen offenen, lebenswerten Kiez mitgestalten und dazu beitragen, dass das RAW auch in Zukunft ein Ort für die Stadtgesellschaft bleibt.
Die Menschen, die das RAW nutzen und prägen, formen zugleich den Kiez drumherum. Diese gewachsene Verbindung ist für uns ein zentraler Teil seiner Qualität – und soll erhalten bleiben.
Das RAW-Gelände steht exemplarisch für den Teufelskreis der Gentrifizierung: Mit Arbeit, Kreativität und Engagement schaffen Menschen einen lebendigen Ort. Doch sobald dieser attraktiv geworden ist, wird er zur Ware – und ausgerechnet das, was ihn lebendig gemacht hat, soll verdrängt und zerstört werden. Das einzigartige Areal, das Menschen geschaffen haben, soll nun zugunsten von Investoreninteressen vermarktet werden. Die Menschen und Strukturen, die seine Attraktivität überhaupt erst hervorgebracht haben, werden dabei zur Belastung erklärt.
Hier stehen sich zwei grundlegend unterschiedliche Interessen gegenüber: auf der einen Seite die Profitmaximierung der Eigentümer, auf der anderen die Lebensqualität von Anwohner*innen und Nutzer*innen sowie die Existenzsicherung derjenigen, die das RAW kulturell und sozial geprägt haben.
Das RAW ist mehr als eine bebaubare Fläche – es ist ein gewachsener Kultur- und Lebensraum. Seine Zukunft darf deshalb nicht allein nach Kriterien wie Rendite, Flächenausnutzung und Verwertbarkeit entschieden werden. Bauliche Entwicklung auf dem RAW ist unausweichlich. Doch sie muss dazu führen, dass dieser Raum danach einzigartiger, vielfältiger und zugänglicher ist als zuvor – nicht exklusiver, austauschbarer und stärker kommerzialisiert.
Deshalb machen wir die Perspektiven, Interessen und Bedürfnisse der Anwohner*innen und Nutzer*innen sichtbar und sorgen dafür, dass sie in der weiteren Entwicklung des Geländes gehört und berücksichtigt werden. Für eine Zukunft, die gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestaltet wird – und die das RAW als lebendigen Teil des Kiezes bewahrt.
Denn: Das RAW sind wir alle!
Wir wünschen uns mehr echte Mitsprache in den Planungsprozessen und eine stärkere Einbeziehung der Menschen, die das RAW nutzen, dort arbeiten und den Kiez prägen. Dafür entwickeln wir eigene Beteiligungsformate und engagieren uns in Vernetzung, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. So bringen wir unterschiedliche Perspektiven zusammen, machen Anliegen sichtbar und tragen dazu bei, dass sie in der weiteren Debatte gehört werden.
Denn das RAW ist bereits ein großartiger Ort. Wir sind überzeugt, dass es noch großartiger werden kann – wenn wir seine gewachsenen Strukturen bewahren, die verschiedenen Bedürfnisse ernst nehmen und die Zukunft gemeinsam gestalten.
Das RAW-Gelände muss als Ort für Kultur, Sport, soziale Projekte und Freiräume langfristig gesichert und vor Verdrängung geschützt werden.
Der jetzt vereinbarte Zwei-Jahres-Vertrag für das SKL darf nur ein erster Schritt zu einem langfristigen, mindestens 30-jährigen Generalmietvertrag mit fairen Mieten für alle ansässigen Clubs, Kulturprojekte, Vereine, Ateliers, Sportstätten und Lokale sein. Die Kultur, die Berlin als Stadt prägt, muss dringend gefördert anstatt verdrängt werden.
Jede Entwicklung muss ihre sozialen, ökologischen und infrastrukturellen Folgen für den Kiez berücksichtigen – von Verkehr über Verdrängung bis hin zu Klimaresilienz, Entsiegelung und Hitzeschutz.
Nachverdichtung darf nicht auf Kosten des Kiezes gehen, sondern muss sozial verträglich und infrastrukturell tragfähig geplant werden. Statt bestehende soziale, infrastrukturelle und klimatische Belastungen zu verschärfen, sollen Nachverdichtung und Nutzungsänderungen aktiv zur klimatischen Entlastung des Kiezes beitragen.
Anwohnende, Nutzer*innen, Initiativen und die Stadtgesellschaft müssen frühzeitig, transparent und verbindlich an der Zukunft des RAW beteiligt werden.
Dafür wünschen wir uns einen festen Ort direkt auf dem RAW-Gelände: einen Raum für Information, Diskussion, Ausstellungen und offene Planungswerkstätten, an dem Planungen für uns alle nachvollziehbar werden und Mitsprache gelebt wird.
Seinen Namen verdankt das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain dem Reichsbahnausbesserungswerk, das hier ab 1867 entstand. Über mehr als ein Jahrhundert wurden auf dem Areal Lokomotiven und Eisenbahnwaggons gewartet und repariert. Es gehörte zu den wichtigsten Eisenbahnbetrieben Berlins und beschäftigte zeitweise Tausende Menschen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk Teil der staatlichen Deutschen Reichsbahn der DDR und spezialisierte sich auf die Instandhaltung und Modernisierung von Güterwagen und anderen Eisenbahnfahrzeugen.
Bis in die 1980er Jahre war das RAW ein bedeutender Industriebetrieb Ost-Berlins. Nach der Wiedervereinigung verlor es jedoch seine Funktion: Mit der Zusammenlegung von Reichsbahn und Bundesbahn gingen die Aufträge zurück, die Werkstätten wurden schrittweise stillgelegt. Zurück blieb eine riesige Industriebrache mitten in der Stadt.
In den späten 1990er Jahren begannen Künstler*innen, Clubs und soziale Projekte, die leerstehenden Gebäude für sich zu nutzen. Statt nach einem Masterplan entwickelte sich das Gelände organisch: Clubs zogen in Werkhallen ein, Ateliers entstanden neben Sportprojekten, und das RAW wurde zu einem der wichtigsten Rückzugsorte der Berliner Subkultur. Seit den 2000er Jahren ist es fest im kulturellen Leben Berlins verankert.
Teile des Geländes stehen heute unter Denkmalschutz. Zwar dokumentieren die historischen Werkstätten, Industriehallen und weiteren Gebäude der ehemaligen Reichsbahn-Reparaturwerkstatt Berlins Industrie- und Stadtgeschichte insgesamt – geschützt als Denkmäler sind aber nur wenige Gebäude entlang der Revaler Straße sowie der „Kegel”, ein ehemaliger Zivilschutzbunker.
Der westliche, rund zwei Drittel große Teil des Geländes ging 2014 per Kaufvertrag an die Göttinger Kurth Immobilien GmbH; der Eigentumsübergang erfolgte 2015. Im Frühjahr desselben Jahres trat der neue Eigentümer öffentlich mit dem Versprechen auf, das RAW „behutsam” zu entwickeln, den Kulturstandort in seinem Charakter zu erhalten und dabei Bezirk, Mieter*innen und Interessenverbände einzubeziehen.
Ab 2017 begann ein kooperatives Dialog- und Planungsverfahren zur Zukunft des Geländes, das 2018 mit drei öffentlichen Dialogwerkstätten intensiviert wurde. Anwohner*innen, Nutzer*innen, Eigentümer und Bezirk diskutierten gemeinsam über die städtebauliche Entwicklung. Dabei zeichnete sich ein breiter Konsens für den Erhalt soziokultureller Angebote, öffentlicher Räume und der gewachsenen Nutzungen ab. Diese Ergebnisse fanden in den darauffolgenden Verhandlungen bis heute leider nur wenig Niederschlag.
Ebenfalls 2018 gründeten Nutzer*innen und Betreiber*innen die RAW Kultur L e.G. als Genossenschaft, um die soziokulturellen Angebote auf dem Gelände zu vernetzen und langfristig zu sichern. Das sogenannte Soziokulturelle L – ein Ensemble aus Kultur, Sport, Gastronomie, Ateliers, Werkstätten sowie Angeboten für Kinder und Jugendliche – wurde damit zu einem zentralen Akteur in den weiteren Verhandlungen über die Zukunft des RAW.
Hier findet ihr die wichtigsten Anlaufstellen, Positionen und weiterführenden Infos: